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Zur Kritik des Gothaer Programms

Ideologie in politischen Programmen ist prinzipiell unvermeidbar. Sie sollen Menschen zum gemeinsamen politischen Handeln zusammenbringen und enthalten deshalb notwendigerweise Zugeständnisse an den „Zeitgeist“. In der 1891 erstmals veröffentlichten „Kritik des Gothaer Programms“ von 1975 setzt sich Marx mit dem Gründungsdokument der SPD, entstehend aus der Vereinigung von SDAP und ADAV kritisch auseinander. Diese Kritik will ich zunächst vorstellen und diskutieren, um dann im Anschluss auf die aktuelle Entwicklung einzugehen.

Zur Kritik des Gothaer Programms

1875 haben sich die von Marx und Engels unterstütze „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ (SDAP) und der von Lassalle mit gegründete „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ (ADAV) zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD) zusammengeschlossen. Diese Partei hat sich 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannt. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gothaer_Programm).

Das dabei verabschiedete Programm wurde von Marx und Engels scharf kritisiert. Die Schärfe ihrer Kritik erklären beide damit, dass sie befürchteten für dieses Programm international „verantwortlich“ gemacht zu werden (Vorwort von Friedrich Engels zur Veröffentlichung 1891 und Brief von Karl Marx an Wilhelm Bracke 1875). Marx betrachtete das Programm als gravierenden Rückschritt: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Konnte man also nicht […] über das Eisenacher Programm hinausgehen, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktion gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen. Macht man aber Prinzipienprogramme […], so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sich die Höhe der Parteibewegung misst.“(Marx 1975: 9)

Die „Kritik des Gothaer Programms“ für sich genommen würde zu Missverständnissen führen, wenn man den zugrunde liegenden Entwurf nicht mit dem „Eisenacher Programm“ der SDAP von 1869 vergleicht1. Das Eisenacher Programm besteht aus drei Abschnitten, dem Ziel der Partei, sechs Grundsätzen, für die einzutreten sich die Mitglieder „verpflichten“, und zehn „nächste Forderungen in der Agitation“.

Für das Ziel reicht ein Satz: „Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des freien Volksstaates.“ Der zweite Abschnitt enthält unter anderem eine weit gehenden Passus zur „Internationalen Arbeiterassoziation“ (I. Internationale): „In Erwägung, dass die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder, in denen es moderne Gesellschaft gibt, umfasst, betrachtet sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei, soweit es die Vereinsgesetze gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation, sich deren Bestrebungen anschließend.“ Die konkreten Forderungen reichen vom allgemeinen Wahlrecht und „direkter Gesetzgebung durch das Volk“ bis zu Steuerfragen und der „staatliche[n] Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien.“

In der von Marx kritisierten Fassung enthält der Entwurf 4 Abschnitte: eine allgemeine Beschreibung der Gegenwart, eine Beschreibung der Parteiziele und im folgenden Abschnitt die Forderung, mit Staatshilfe „Produktivgenossenschaften unter der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes“ zu errichten. Im vierten Abschnitt kommen dann 14 konkrete Forderungen2.

Im Vergleich zum Eisenacher Programm ist vor allem der erste Abschnitt neu. Seither versuchen Sozialdemokraten jedes Mal auf‘s Neue, in ihren Programmen ihre aktuelle Sicht auf die Welt zusammenzufassen. Ungefähr die Hälfte der „Kritik“ ist diesem Abschnitt gewidmet. Marx‘ Kritik lässt sich im Wesentlichen auf vier Thesen verkürzen:

  1. Geschwätz: „Man hätte ebensogut sagen können, dass nur in der Gesellschaft nutzlose und selbst gemeinschädliche Arbeit ein Erwerbszweig werden kann, dass man nur in der Gesellschaft vom Müßiggang leben kann etc. etc. - kurz, den ganzen Rousseau abschreiben können“ (S.12).

  2. Falsche Orientierung: „In der Tat aber ist der ganze, stilistisch und inhaltlich verfehlte Paragraph nur da, um das Lasallesche Stichwort vom ‚unverkürzten Arbeitsertrag‘ als Losungswort auf die Spitze der Parteifahne zu schreiben“ (S. 13).

  3. Falsche Feindbilder: „Die Verbesserung wurde angebracht, weil Lasalle […] nur die Kapitalistenklasse angriff, nicht die Grundeigentümer“ (S.13). Und gegen den Satz: „Die Befreiung der Arbeit muss das Werk der Arbeiterklasse sein, der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse sind“, setzt Marx die historische Analyse aus dem Kommunistischen Manifest3, wonach die Bourgeoisie als revolutionäre Klasse gegenüber Bourgeoisie und Mittelständen aufgefasst wird, und die Mittelstände im Hinblick auf ihren bevorstehenden Übergang ins Proletariat revolutionär werden. Er wirft Lassalle vor, „seine Allianz mit den absolutistischen und feudalen Gegnern wider die Bourgeoisie zu beschönigen“ (S.19), und verweist auf die „Handwerker, kleinen Industriellen etc. und Bauern“, die er nicht zusammen mit Bourgeoisie und Feudalen als „eine reaktionäre Masse“ behandelt wissen will (S. 19).

  4. Ein falsches Verständnis vom internationalen Charakter des Klassenkonflikts: „Und worauf reduziert die deutsche Arbeiterpartei ihren Internationalismus? Auf das Bewusstsein, dass das Ergebnis ihres Strebens ‚die internationale Völkerverbrüderung sein wird‘ – eine dem bürgerlichen Freiheits- und Friedensbund entlehnte Phrase, die als Äquivalent passieren soll für die internationale Verbrüderung der Arbeiterklassen im gemeinschaftlichen Kampf gegen die herrschenden Klassen und ihre Regierungen. Von internationalen Funktionen der deutschen Arbeiterklasse also kein Wort! Und so soll sie ihrer eignen, mit den Bourgeois aller andern Länder bereits gegen sie verbrüderten Bourgeoisie und Herrn Bismarcks internationaler Verschwörungspolitik das Paroli bieten!“



Exkurs:

Nebenbei: auf ganz andere Weise problematisch ist die Einleitung zum Erfurter Programm der SPD 1891:

Die ökonomische Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Naturnotwendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebes, dessen Grundlage das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln bildet. Sie trennt den Arbeiter von seinen Produktionsmitteln und verwandelt ihn in einen besitzlosen Proletarier, indes die Produktionsmittel das Monopol einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Kapitalisten und Großgrundbesitzern werden.

[…]

Immer größer wird die Zahl der Proletarier, immer massenhafter die Armee der überschüssigen Arbeiter, immer schroffer der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, immer erbitterter der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der die moderne Gesellschaft in zwei feindliche Heerlager trennt und das gemeinsame Merkmal aller Industrieländer ist.

[…]

Diese gesellschaftliche Umwandlung [...] kann nur das Werk der Arbeiterklasse sein, weil alle anderen Klassen, trotz der Interessenstreitigkeiten unter sich, auf dem Boden des Privateigentums an Produktionsmitteln stehen und die Erhaltung der Grundlagen der heutigen Gesellschaft zum gemeinsamen Ziel haben.

[…]

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands kämpft also nicht für neue Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst und für gleiche Rechte und gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Von diesen Anschauungen ausgehend bekämpft sie in der heutigen Gesellschaft nicht bloß die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, sondern jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, eine Geschlecht oder eine Rasse.

Die Glorifizierung einer Vergangenheit, als wären die Gesellen jemals „Eigentümer ihrer Produktionsmittel“ gewesen, geht einher mit einer radikalisierten Verelendungsthese, die allein den Kampf gegen „jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung“ begründen muss. Dagegen ist nur einzuwenden, dass sie der unmittelbaren Lebenserfahrung der Menschen schon um die Jahrhundertwende widersprach (vgl. Schmidt 2014):

  1. Schon um die Jahrhundertwende gab es „gutsituierte Arbeiter, die Mitglied einer Laubenkolonie waren...“ (Schmidt 2014: 193f)4

  2. Statistiken zeigen, dass in den Jahren nach 1895 zwar sämtliche Betriebsgrößen gewachsen waren, und die Alleinbetriebe stark abgenommen haben, andererseits aber die Zahl Betriebe mit 6 – 50 Beschäftigten und vor allem die Zahl der in ihnen Tätigen anstiegen (Schmidt 2014: 201).

Diese „ideologische Unschärfe“, die Verkürzung der These von der Entwicklung der Produktionsverhältnisse auf eine radikalisierte Vereledungsthese, führte angesichts einer ihr widersprechenden Erfahrung5 zur Spaltung der Klasse: Dorothea Schmidt beschreibt in ihrem Beitrag, wie sich zunächst die Buchdrucker und später auch Gewerkschaften anderer Branchen von der SPD „emanzipierten“ und als Organisationen „weittragende politische Ideen“ zugunsten erreichbarer materieller Vorteile zunehmend ablehnten. (Schmidt 2014: 201f).


Am zweiten Abschnitt des Entwurfs empört sich Marx vor allem über die Formulierung „Aufhebung des Lohnsystems mit dem ehernen Lohngesetz“. Richtig wäre „Abschaffung der Lohnarbeit“. Im Eisenacher Programm steht „Abschaffung der jetzigen Produktionsweise (Lohnsystem)“. Was wie ein Streit um Nuancen in der Formulierung aussieht hat einen gravierenden Hintergrund: Während Marx den „Wert resp. Preis der Arbeitskraft“ über die Lebenshaltungskosten bestimmt, und damit zeigt, dass der Wert der Arbeit, also der durch die Arbeit geschaffenen Waren vom Wert der Arbeitskraft losgelöst ist, argumentiert Lasalle mit dem „Gesetz“ von Angebot und Nachfrage, dass der Lohn nicht dauernd über die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten steigen könne, weil „die leichtere, bessere Lage der Arbeiter eine Vermehrung der Arbeiterbevölkerung und somit des Angebots von Händen [zur Folge hätte, und dadurch der] Arbeitslohn wieder auf und unter seinen früheren Stand“ herabgedrückt würde (Anmerkung 17, S.481). Dahinter verbirgt sich die Malthussche Bevölkerungstheorie, nach der das Gleichgewicht von Bevölkerung und Nahrungsmittelproduktion durch die Knappheit der Nahrungsmittel entsteht. Diese These würde unabhängig von kapitalistischen Produktionsverhältnissen gelten, das Elend der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, des Proletariats, wäre demnach ein Naturgesetz (S.20ff). Mit den kommunistischen Perspektiven von Marx und Engels ist das schlicht unvereinbar – und heutzutage ist ja auch allgemein bekannt, dass das nicht stimmt.

Ähnlich problematisch ist es, wenn im nächsten Abschnitt gefordert wird, „um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen, […] sozialistische Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes [zu errichten]“. Und weiter: „Die Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem Umfange ins Leben zu rufen, dass aus ihnen die sozialistische Organisation der Gesamtarbeit entsteht.“ Im Eisenacher Programm wird noch einfach gefordert: „Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien.“ Der Unterschied scheint klein, aber wenn vom existierenden der Staat verlangt wird, ein Genossenschaftswesen „ins Leben zu rufen“, ist das vom Selbstverständnis her das genaue Gegenteil von Klassenbewusstsein, wie Marx und Engels es verstehen: „Was aber die jetzigen Kooperativgesellschaften betrifft, so haben sie nur Wert, soweit sie unabhängige, weder von den Regierungen noch von den Bourgeois protegierte Arbeiterschöpfungen sind“ (S.23). Und was in diesem Abschnitt nicht explizit steht, aber für Marx und seine Adressaten in der SDAP selbstverständlich ist: Die kapitalistische Produktion (auch auf dem Niveau von 1875) kann nicht einfach durch Genossenschaften verdrängt und abgelöst werden.

Die Kritik an den konkreten Punkten im letzten Abschnitt des Entwurfs ist zum größten Teil historisch bedingt und muss nicht weiter interessieren. Einzig die Debatte um das schwierige Verständnis vom Staat ist auch heute noch interessant: Kann sich eine Partei positiv auf „den Staat“ beziehen oder gar von einem „freiheitlichen Staat“ reden, wenn sie diesen grundlegend umgestalten, aus damaliger Sicht in eine „demokratische Republik“ verwandeln will, aber diese Ziel aus guten Gründen so explizit nicht formulieren will ? (vgl. S. 25) Welche Aufgaben kann und soll man einem „real existierenden“ Staat übertragen? „Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den Staat“, wie sie im Programmentwurf als „geistige und sittliche Grundlage des Staats“ gefordert wird? Um Marx im Original zu zitieren: „Das ganze Programm, trotz alles demokratischen Geklingels, ist durch und durch vom Untertanenglauben der Lassalleschen Sekte an den Staat verpestet oder, was nicht besser, vom demokratischen Wunderglauben, oder vielmehr ist es ein Kompromiss zwischen diesen zwei Sorten, dem Sozialismus gleich fernen, Wunderglauben.“ (S.26)

Vom Godesberger Programm zum Bundestags-Wahlprogramm 2017

Man muss Marx in seinen (vagen) Vorstellungen vom Klassenkampf und der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft nicht folgen, um das Grundproblem der modernen Sozialdemokratie zu erkennen. Spätestens seit dem Godesberger Programm versucht die Partei, selbst einen fruchtbaren Klassenkompromiss zu formulieren. Gleichzeitig müsste sie aber auch antreten, die fundamentalen Interessen einer „Mehrheitsgesellschaft“ gegen mächtige Akteure durchzusetzen. In diesem Spagat hat sie sich immer wieder, auch ideologisch, vermeintlichen Sachzwängen untergeordnet und die eigenen Ansprüche scheibchenweise aufgegeben.

Um das zu verdeutlichen möchte ich zwei Zitaten aus dem Godesberger Programm die Einleitung zum Bundestags-Wahlprogramm 2017 gegenüber stellen.

Zunächst das Godesberger Programm:

Im demokratischen Staat muss sich jede Macht öffentlicher Kontrolle fügen. Das Interesse der Gesamtheit muss über dem Einzelinteresse stehen. In der vom Gewinn- und Machtstreben bestimmten Wirtschaft und Gesellschaft sind Demokratie, soziale Sicherheit und freie Persönlichkeit gefährdet. Der demokratische Sozialismus erstrebt darum eine neue Wirtschafts- und Sozialordnung.

Alle Vorrechte im Zugang zu Bildungseinrichtungen müssen beseitigt werden. Nur Begabung und Leistung sollen jedem den Aufstieg ermöglichen.

Freiheit und Gerechtigkeit lassen sich durch Institutionen allein nicht sichern. Alle Lebensbereiche werden zunehmend technisiert und organisiert. Dadurch entstehen immer neue Abhängigkeiten, die die Freiheit bedrohen. Nur ein vielgestaltiges wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben regt die schöpferischen Kräfte des einzelnen an, ohne die alles geistige Leben erstarrt.

Freiheit und Demokratie in der industriellen Gesellschaft sind nur denkbar, wenn eine ständig wachsende Zahl von Menschen ein gesellschaftliches Bewusstsein entwickelt und zur Mitverantwortung bereit ist. Ein entscheidendes Mittel dazu ist politische Bildung im weitesten Sinne. Sie ist ein wesentliches Ziel aller Erziehung in unserer Zeit.“ (SPD 1958: 4 - „Grundforderungen“)

und weiter handlungsorientiert:

Darum ist die Hoffnung der Welt eine Ordnung, die auf den Grundwerten des demokratischen Sozialismus aufbaut, der eine menschenwürdige Gesellschaft, frei von Not und Furcht, frei von Krieg und Unterdrückung schaffen will, in Gemeinschaft mit allen, die guten Willens sind.

Jeder, Mann und Frau, ist aufgerufen, hier und in allen Ländern der Erde.

Auf deutschem Boden sammeln sich die Sozialisten in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die jeden in ihren Reihen willkommen heißt, der sich zu den Grundwerten und Grundforderungen des demokratischen Sozialismus bekennt.“ (SPD 1958: 20 - „Unser Weg“)

Und hier die Einleitung des Programms zur Bundestagswahl (SPD 2017: 3 - „mehr Gerechtigkeit“, Anmerkungen in (:..:)):

2017 ist ein entscheidendes Jahr. Die SPD tritt an, um mit Martin Schulz als Bundeskanzler die Weichen für die Zukunft Deutschlands und Europas zu stellen. Die Wahlen in diesem Jahr sind grundsätzliche Entscheidungen darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Werte, die als selbstverständlich galten, stehen auf dem Spiel.

(: Also: Es geht um alles, aber was man darunter versteht??? :)

Für diese Werte kämpfen wir, wie wir es in unserer langen Geschichte immer getan haben. Für eine Gesellschaft, die jedem Menschen respektvoll und mit Würde begegnet.

(: Respekt und Würde - jetzt könnte man schon anfangen zynisch zu werden, aber es kommt noch dicker :)

[...] Wir kämpfen für die Freiheit, seine Meinung sagen und veröffentlichen zu können. Für eine freie Presse und eine unabhängige Justiz. Wenn wir uns umschauen in Europa und der Welt, sehen wir diese Werte in Gefahr. Für diese Werte einzustehen, war der Ursprung der Sozialdemokratie. Dafür stehen wir – damals wie heute.

(: Die liberale Pressefreiheit als "Ursprung der Sozialdemokratie"??? :)

Unser Land ist heute demokratischer, offener, moderner und freier als jemals zuvor. Hier leben engagierte Menschen in ihren Familien, mit Freunden und Nachbarn. Hier arbeiten motivierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ebenso wie selbstbewusste Gewerkschaften und erfolgreiche Unternehmen in einer starken sozialen Marktwirtschaft zusammen. Wir sind stolz auf unseren demokratischen Rechtsstaat, der die Würde des Menschen an erste Stelle setzt. Unser kulturelles Leben ist einzigartig. [...]

(: Dann ist doch alles gut!!! :)

Viele sagen, dass es ihnen eigentlich gut geht. Aber sie spüren auch, dass es in unserer Gesellschaft nicht überall gerecht zugeht. Sie berichten von ihren Schwierigkeiten, den Hoffnungen ihrer Eltern und Zielen ihrer Kinder. Alle eint der Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft, die zusammenhält.

(: Was hier vor allem stört, ist der Appell an das schlechte Gewissen derer, die im Prinzip zufrieden sind und sein können: "Dir geht's vermutlich ziemlich gut, aber denk doch auch mal an die anderen." :)

Es ist der Wunsch nach einem Land, in dem wir füreinander da sind und uns gegenseitig mit Respekt begegnen. Mehr Gerechtigkeit und Respekt vor der Lebensleistung aller Menschen stärken unsere Demokratie. Dazu gehört, dass in unserem Land der gesellschaftliche Zusammenhalt wieder stärker wird und der anständige Umgang miteinander nicht durch die politische Radikalisierung verloren geht. Wir wollen, dass die Menschen in Deutschland sicher leben können.

(: Aha, es geht um unsere Demokratie. Dann kann man ja sein Gutmenschentum im Keller lassen ;-))

[...] Gerechte Gesellschaften sind wirtschaftlich erfolgreicher und innovativer. In gerechteren Gesellschaften sind die Menschen zufriedener und das gegenseitige Vertrauen ist stärker. Gerechtigkeit macht unser Land in vielerlei Hinsicht reicher.

(: Aber was, wenn jetzt jemand herausfinden würde, dass undemokratische Regime, wie z.B. China und Erdogan, viel erfolgreicher sind? Und die Menschen dort, zumindest die Regime-treuen Anhänger, viel zufriedener? Müssten wir dann nicht noch mal neu nachdenken??? :-( )

[...] Wenn wir für mehr Gerechtigkeit und Sicherheit sorgen, dann zahlt sich das für den Wirtschaftsstandort Deutschland aus.

(: Siehe oben :)

Auch mit den Grundsätzen und der Praxis einer „modernen“ Sozialdemokratie wäre es vollkommen vereinbar, wenn man aus dem letzten Abschnitt des Godesberger Programms, natürlich ergänzt, um die Erfolge seit 1958, in jeder Einführung übernehmen würde (SPD 1958: 19 - „Unser Weg“):

Die sozialistische Bewegung erfüllt eine geschichtliche Aufgabe. Sie begann als ein natürlicher und sittlicher Protest der Lohnarbeiter gegen das kapitalistische System. Die gewaltige Entfaltung der Produktivkräfte durch Wissenschaft und Technik brachte einer kleinen Schicht Reichtum und Macht, den Lohnarbeitern zunächst nur Not und Elend. Die Vorrechte der herrschenden Klassen zu beseitigen und allen Menschen Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand zu bringen das war und das ist der Sinn des Sozialismus.

Die Arbeiterschaft war in ihrem Kampf nur auf sich gestellt. Ihr Selbstbewusstsein wurde geweckt durch die Erkenntnis ihrer eigenen Lage, durch den entschlossenen Willen, sie zu verändern, durch die Solidarität in ihren Aktionen und durch die sichtbaren Erfolge ihres Kampfes.

Schweren Rückschlägen und manchen Irrtümern zum Trotz hat die Arbeiterbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert die Anerkennung vieler ihrer Forderungen erzwungen. Der einst schutz- und rechtlose Proletarier, der sich für einen Hungerlohn täglich sechzehn Stunden schinden musste, erreichte den gesetzlichen Achtstundentag, den Arbeitsschutz, die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit, Siechtum und für seinen Lebensabend. Er erreichte das Verbot der Kinderarbeit, der Nachtarbeit für die Frauen, den Jugend- und Mutterschutz und bezahlten Urlaub. Er erstritt sich die Versammlungsfreiheit, das Recht zum gewerkschaftlichen Zusammenschluss, das Tarifrecht und das Streikrecht. Er ist dabei, sein Recht auf Mitbestimmung durchzusetzen. Der einst das bloße Ausbeutungsobjekt der herrschenden Klasse war, nimmt jetzt seinen Platz ein als Staatsbürger mit anerkannten gleichen Rechten und Pflichten.

[...]

Diese Erfolge sind Meilensteine auf dem opferreichen Weg der Arbeiterbewegung. Sie hat mit ihrer wachsenden Befreiung der Freiheit aller Menschen gedient. Die Sozialdemokratische Partei ist aus einer Partei der Arbeiterklasse zu einer Partei des Volkes geworden. Sie will die Kräfte, die durch die industrielle Revolution und durch die Technisierung aller Lebensbereiche entbunden wurden, in den Dienst von Freiheit und Gerechtigkeit für alle stellen.

Und dann würde es vollkommen reichen, einfach aufzulisten, was sich die Partei für die nächste Wahlperiode vornimmt.


Anmerkungen

1Genau diesen Fehler machen m.E. die Kommentatoren „Marx wirklich studieren“ aus dem „Verlag Olga Benario und Herbert Baum“ in ihrer kommentierten Ausgabe auf „https://marx-wirklich-studieren.net/2012/11/27/karl-marx-kritik-des-gothaer-programms/“, wo aber dankenswerterweise auch der Entwurf zum Programm enthalten ist.

2Die letzten drei Abschnitte wurden in der endgültigen Fassung zusammengefasst.

3Und den Hinweis, dass nicht die Arbeit, sondern die Arbeiterklasse zu befreien ist.

4Dorothea Schmidt verweist auch auf „Anzeigen in der sozialdemokratischen Wochenzeitschrift Der Wahre Jakob, wo für Zigarren ebenso geworben wurde wie für Fahrräder, Akkordeons oder silberne Taschenuhren mit einem Bild von Marx oder Lasalle“ (S. 194).

5Hier ist von der absoluten Verelendung der abhängig Beschäftigten die Rede. Die Konzentration von Kapital, die daraus resultierende „Verteilung“ von Vermögen und wirtschaftlicher Macht sind ja gerade nicht Gegenstand radikaler sozialdemokratischer Kapitalismuskritik, sondern Ansatzpunkte für „Mitbestimmung“ und „Umverteilung“ im Kapitalismus.

Literatur

Marx 1875:
Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei in: Marx - Engels: Ausgewählte Schriften II Dietz berlin, 1968
olgabert:
: Kritik des Gothaer Programms kommentiert mit Abdruck des von Karl Marx kritisierten Entwurfs Verlag Olga Benario und Herbert Baum, Stand Oktober 2013, Abruf am 27.1.2018 Web-Link
SPD-Programme:
SPD: Grundsatz-, Regierungs- und Wahlprogramme der SPD (1949 – heute) Friedrich Ebert Stiftung Web-Link
SPD-Programme bis 1925:
SPD: Programme 1869 (Eisenach, SDAP) bis 1925 (Heidelberg) Web-Link
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