Alternative Marx-Lektüre

Notizen

200 Jahre Karl Marx: Das "vergessene" Manifest

Eine Antwort auf Winfried Wolf, der in seinem Beitrag zum Jubiläum in der SoZ 10 Thesen formuliert. Das war einer der Impulse, der zum Aufbau dieser Seiten motivierte. Hier habe ich erstmals versucht, den Schwerpunkt von der Kritik des Kapitalismus auf seine Überwindung zu begründen und die Folgen dieser Verschiebung der Perspektive anzureißen. Der Versuch wurde mehrfach überarbeitet.

Angesichts der zahlreichen Jubiläen zu Karl Marx ist es an der Zeit für eine selbstkritische Reflexion. 170 Jahre nach der Veröffentlichung des „Manifests der kommunistischen Partei“ existiert in keinem entwickelten Industriestaat auch nur ansatzweise eine „proletarische Bewegung“, von der man erwarten könnte, dass sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung revolutionär überwinden würde.

Kapitalismus kritisieren oder überwinden?

In den letzten hundert Jahren hat sich eine Rezeption des Werkes von Karl Marx durchgesetzt, die die entwickelte Kritik des Kapitalismus und kapitalistischer Gesellschaften in den Mittelpunkt stellt. Aber was hat diese Kritik mit der Praxis linker Aktivisten zu tun? Gibt es, abgesehen von „Marx-Schulungen“, noch irgendeine politische Aktivität, die sich relevant auf die Marx‘sche Kritik des Kapitalismus bezieht?

Nach Winfried Wolf „brauchen wir dringend einen neuen Aufbruch, wie es einen solchen 1848 und 1968 gab.“ Und weiter: „Richtig viel Gehirnschmalz sollte man dabei dafür verausgaben, in welcher Tonart ein solches Manifest verfasst sein sollte“.

Ein solches Vorhaben, wenn es sich den auf die Schriften von Marx und Engels beziehen soll, ist mit der Tatsache konfrontiert, dass uns die Autoren keineswegs eine „Vision einer neuen und solidarischen Gesellschaft“ hinterlassen haben. Die Perspektive, die sie im „Manifest der kommunistischen Partei“ entwickelt haben und in den Vorworten zu späteren Ausgaben bei allen Einschränkungen für „im Großen und Ganzen“ noch immer als richtig verteidigen, beruht im Wesentlichen auf Vorhersagen, die so nicht eingetroffen sind. Spätere Debatten (polemisch: um Histomat und Automat) haben das ihre dazu beigetragen, diesen Teil des Marx‘schen Werkes zu diskreditieren.

Aber gerade angesichts der Erfahrungen der letzten hundert Jahre lohnt es sich, die Argumentationsketten in dieser Schrift zu rekonstruieren und neu zu beurteilen. Denn hier legen die Autoren die Grundsätze dar, die sie später in ihrer praktischen Tätigkeit anwenden. Hier entwickeln sie prägnant ihre Vorstellungen von der revolutionären Überwindung (hoch entwickelter) kapitalistischer Gesellschaften.

Die dialektische Entwicklung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen

Das stärkste Argument der Autoren ist die Feststellung, dass sich Produktionsverhältnisse schon immer evolutionär und revolutionär verändert haben, und dass diese Veränderungen das Ergebnis der Kämpfe zwischen herrschenden und beherrschten Klassen waren. Als Grundlage dieser Veränderungen erkennen sie die Entwicklung der Produktivkräfte, die unter konkreten Produktionsverhältnissen gefördert wird, bis diese die weitere Entwicklung behindern und zu neuen, angemessenen Produktionsverhältnissen führen. Neue Klassen erobern gesellschaftliche Macht und Herrschaft aufgrund ihrer Stellung in der gesellschaftlichen Produktion.

An dieser Stelle kam es in der Rezeption zu zwei folgenreichen Missverständnissen:

  1. Vor allem Kritiker monierten, hier würde ein historischer Determinismus behauptet, nach dem die Geschichte quasi vorbestimmt sei, und es nur darauf ankomme sie zu beschleunigen.

  2. Einige, zeitweise die meisten, Marxisten erkannten darin eine historische Mission der Arbeiterklasse, was ihnen den Vorwurf eintrug, sie würden gesellschaftliche (und später: ökologische) Streitpunkte, die nicht nahtlos in den Klassengegensatz passen, als „Nebenwidersprüche“ vernachlässigen.

Beides ergibt sich nicht zwingend aus dem Text. Die Verfasser des Manifests erklären, dass sie „jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände“ unterstützen, und dabei die Eigentumsfrage als „die Grundfrage der Bewegung“ hervorheben (493).

Viel wichtiger für aktuelle Debatten ist m.E. dass die Verfasser den Sonderfall der kommunistischen Revolution als Ende der geschichtlichen Entwicklung auf zwei Beobachtungen stützen:

  1. Die Polarisierung der Klassengesellschaft: „Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“ (463) Während bisher eine von vielen unterdrückten Klassen dominierend wurde und die Herrschaft übernahm, nehmen die Verfasser an, dass die noch existierenden „Zwischen-Klassen“ verschwinden werden. „Die Bourgeoisie [...] hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt“(464). Diese Besonderheit führt nach Meinung der Verfasser dazu, dass sich mit der proletarischen Revolution gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen insgesamt auflösen: „Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“ (472f)

  2. Die schwindende Bedeutung der Nationalstaaten: „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird […]. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur“ (466). Marx und Engels sehen hier in der „Globalisierung“ des Kapitalismus schon den Weg zur Überwindung nationaler Gegensätze und Grenzen. Deshalb wird auch der Kampf gegen die jeweilige Bourgeosie in den Grenzen des Nationalstaates die Nationalstaaten selbst auflösen.

Beide Beobachtungen sind, verglichen mit der ersten These, inhaltlich anspruchsvoll aber relativ schwach begründet:

  1. Die These von der Entwicklung zur Zwei-Klassen-Gesellschaft enthält

    1. die Abgrenzung einer(!) produzierenden Klasse, die in der Lage ist, die entwickelte kapitalistische Produktion (und Distribution) unter ihre Kontrolle zu bringen und fortzuführen,

    2. die Prognose, diese so abgegrenzte Klasse würde gemeinsam(!) so weit „verelenden“, dass der revolutionäre Umsturz unvermeidlich wird.

    Während a) einen eher abstrakten Klassenbegriff nahe legt, der auf die notwendigen Funktionen in Produktion und Verteilung abstellt und bei den konkreten Menschen die Kombination von produktiver Arbeit und Durchsetzung von Kapitalinteressen zumindest in Betracht ziehen würde, stellt b) auf eine konkrete Lebenslage als Ergebnis der Verteilungsprozesse ab. Tatsächlich kommt es aber in den folgenden 150 Jahren nirgends zu einer Angleichung der Lebenslagen im Proletariat, solange man darunter alle an der gesellschaftlichen Produktion notwendig beteiligten Arbeitskraftverkäufer versteht.

  2. Die Globalisierungsthese ist mit der Entwicklung der multinationalen Konzerne in einem Ausmaß bestätigt worden, dass man die Weitsicht der Verfasser nur bewundern kann. Aber:

    1. Auch „multinationale Unternehmen“ haben sich keineswegs von den Nationalstaaten gelöst, sondern sind mit ihrer „Heimat“ auf das Engste verbunden, wenn es um die Durchsetzung von Rechtssicherheit, die Umsetzung ihrer spezifischen Interessen in Rechtsnormen geht. Beispiele sind der Patentschutz von Medikamenten, der Schutz geistigen Eigentums, der „Investitionsschutz“, der „Marktzugang“ und der Kampf gegen nicht-tarifäre Handelshemmnisse.

    2. Kollektiv konfliktfähige Gruppierungen, also die Entwicklung des Proletariats als „Klasse an sich“ zum kämpfenden Proletariat „für sich“, benötigen verbindende Gemeinsamkeiten im Inneren und Grenzen nach außen. Die Verfasser sehen dieses Problem, wenn sie schreiben: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muss natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden“ (473). Aber genau an dieser Stelle übersehen sie, dass auch ein Proletariat in den Grenzen einer Nation von Anfang an gegen eine „globalisierte Bourgeoisie“ kämpft, es kann nicht nur „mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden“. Diese Konstellation verhindert geradezu den unterstellten „Automatismus“, dass antikapitalistisches Bewusstsein immer auch mit internationalistischen Orientierungen verbunden wird. Man kann die Parole „ein Volk gegen das internationale Kapital“ als ideologische Verblendung kritisieren, aber es gibt keinen erkennbaren Grund in der Argumentation der Verfasser, weshalb nationalistische Elemente in die „Ideologie des Proletariats“ (verstanden als falsches Bewusstsein) keinen Eingang finden sollten.

Widerlegt?

Während noch in den 1970er Jahren in der Arbeiterbewegung als Ganzes die Keimzelle der antikapitalistischen Revolution verortet wurde, verschwindet diese Perspektive, in dem Maße, wie eine Radikalisierung trotz der Wirtschaftskrise und dem damit einhergehenden Sozialabbau ausbleibt. André Gorz‘ „Abschied vom Proletariat“ ist nur ein Beispiel, Ulrich Beck‘s „Risikogesellschaft“ ein anderes. Trotz Krise scheint sich ein Teil der abhängig Beschäftigten in der kapitalistischen Wirtschaft „gut eingerichtet“ zu haben, und es beginnt die Suche nach dem neuen „revolutionären Subjekt“.

Aber mit dem Verständnis eines Proletariats als Gesamtheit(!) aller abhängig beschäftigten Produzenten, geht auch die im Manifest dargestellte Perspektive vom Ende der Klassengegensätze verloren. Und nicht nur das: Die potentielle gesellschaftliche Macht des Proletariats beruht gerade darauf, die gesamte gesellschaftlich Produktion auch ohne Eigentümer der Produktionsmittel fortführen zu können. Und angesichts der internationalen Verflechtung und Arbeitsteilung kann eine freie Gesellschaft auch nur entstehen, wenn keine neuen nationalen Konflikte entstehen.

Kurz: Auch wenn das Proletariat nicht gemeinsam verelendet, und die internationale Solidarität (wenn überhaupt) schwach entwickelt ist, bleibt das Argument, dass die Herrschaft der Kapitalbesitzer nur durch ein vereinigtes „Proletariat“, verstanden als Klasse der Arbeitskraft verkaufenden gesellschaftlichen Produzenten, überwunden werden kann. Nur in dieser Konstellation ist die erfolgreiche Übernahme großindustrieller Produktion denkbar – und gerade ökologisch bedeutsame Techniken, wie Windräder, Solarzellen und Schienenverkehr, sind ohne große, komplexe Produktionsanlagen nicht möglich.

Wer wird das alles ändern?

Wenn man aus dem „Manifest“ das Wie der Überwindung des Kapitalismus herauslesen will, sind diese Vorstellungen vollständig widerlegt. Wenn man aber den Fokus auf das Subjekt der der Überwindung, das Wer, legt, findet sich eine aktuell leider verdrängte Sicht:

Die Verfasser distanzieren sich ausdrücklich von frühen sozialistischen Vorstellungen eines „allgemeinen Asketismus“ und einer „rohen Gleichmacherei“ als dem Inhalt nach reaktionär (489). Dabei verweisen sie auf „die materiellen Bedingungen [der] Befreiung [des Proletariats], die eben erst das Produkt der bürgerliche Epoche sind“ (ebd.).

Das Besondere an dieser Argumentation ist, dass sie einerseits die Beiträge der „Frühsozialisten“, St.-Simons, Fouriers, Owens usw., ausdrücklich würdigen, weil sie „wertvolles Material zur Aufklärung der Arbeiter“ geliefert hätten (490f), gleichzeitig aber die „Erfindung“ von alternativen gesellschaftlichen Systemen scharf kritisieren: „Sie erblicken auf der Seite des Proletariats keine geschichtliche Selbsttätigkeit, keine ihm eigentümliche politische Bewegung. […] Sie verwerfen daher alle politische, namentlich alle revolutionäre Aktion, sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Wege erreichen und versuchen, durch kleine, natürlich fehlschlagende Experimente, durch die Macht des Beispiels dem neuen gesellschaftlichen Evangelium Bahn zu brechen“ (490).

Gegen diesen „Konstruktivismus“ setzen die Verfasser des Manifests eine strikt evolutionäre Vorstellung: „In demselben Maße, worin der Klassenkampf sich entwickelt und gestaltet, verliert diese phantastische Erhebung über denselben, diese phantastische Bekämpfung desselben allen praktischen Wert, alle theoretische Berechtigung“ (491).

Rekonstruktion der Klasse

Die Frage nach dem revolutionären Subjekt führt vor diesem Hintergrund weg von der Such nach den Benachteiligten und hin zu der Frage, ob und wie die Klasse der Produzierenden zum solidarischen Handeln zusammengeführt werden kann. Dabei handelt es sich mehr um ein abstraktes Konstrukt, als um eine konkrete Lebenslage, die durch einen Lohnarbeitsvertrag gekennzeichnet wäre.

Aufarbeiten von Erfahrungen

Die Geschichte der (westeuropäischen) Arbeiterbewegung(en) ist auch eine Geschichte von Spaltungen mit verheerenden Folgen:

  • Nach dem ersten Weltkrieg öffnete die Feindschaft von Kommunisten und Sozialdemokraten das Feld für Nationalisten und Faschisten, die nicht wirksam bekämpft werden konnten.

  • Nach 1968 verhinderte die Kontroverse zwischen „Reformern“ und „Revolutionären“ eine Aufarbeitung der Krise in 70er und frühen 80er Jahren mit der Folge des aufkommenden Neoliberalismus in den 90ern.


Respekt und Solidarität

Diese Fokussierung auf eine westeuropäische „Arbeiterbewegung“ darf nicht als Lösung der Weltformel missverstanden werden. Ich sehe darin zwar eine notwendige Voraussetzung zur Entwicklung antikapitalistischer Gegenmacht, aber keinen hinreichenden Beitrag zur Lösung etwa der ökologischen Krise oder der weltweiten Ungerechtigkeiten.

Begriffe

Im Folgenden kann nur exemplarisch und kurz angerissen werden, worin sich eine an diesem Manifest orientiert Sichtweise von (auch in der Linken) gängigen Argumentationsmuster unterscheidet. Das könnte/müsste jeweils in eigenen Beiträgen vertieft werden.

Klassen

In Deutschland sind über 85% aller Erwerbspersonen abhängig Beschäftigte, weniger als 10% Selbständig (der Rest arbeitslos – Quelle: Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen). Natürlich unterscheiden sich die Lebenslagen dieser 85% grundsätzlich, aber wenn man von den in der Anzahl nicht bedeutsamen Managern absieht, sind es genau die Menschen, die in ihrer Gesamtheit gesellschaftliche Produktion auch in einer sozialistischen Wirtschaft fortführen müssten.

Wer, wie z.B. Karl Heinz Roth und Zissis Papadimitriou in ihrer „Flugschrift: Die Katastrophe ver­hindern, Mani­fest für ein egalitäres Europa“, meint „Das klassische historische Sub­jekt der traditionellen Linken, die industrielle Arbeiterklasse, [sei] als führender und vor­antreibender Akteur ausge­fallen“ (Roth, Papadimitriou 2013: 81), übersieht, dass eben nur diese „Klasse“ in ihrer Gesamtheit die Klassengesellschaft an sich überwinden kann. Es mag naheliegend erscheinen, unter „Klassen“ die gesellschaftlichen Gruppierungen zu verstehen, die gerade aktiv und gemeinsam kämpfen (vgl. Thien, 185). Nur: Das führt zu einem Plural, dessen Perspektive auf neue Klassenkonstellationen und -verhältnisse verweist – also gerade nicht auf eine „letzte verbliebene Klasse“ die das Ende aller Klassengesellschaften herbeiführt.

Andererseits zeigt aber Dorothea Schmidt in demselben Prokla-Band, wie heterogen die deutsche Arbeiterklasse schon um 1900 war, und kommt zu dem Schluss: „Ob sie kämpferisch oder resigniert auftreten, ist also nicht allein eine Sache der Lohnabhängigen selbst, sondern es bedarf dazu der Unterstützung einer breiten Öffentlichkeit, um hegemoniale Diskurse aufzubrechen und die Institutionen, die ihr Handeln einschränken und behindern, grundlegend zu ändern. Die mangelhafte Einheit der Arbeiterklasse hat sie im Deutschen Kaiserreich nicht daran gehindert, Verbesserungen ihrer Lage durchzusetzen – sie sollte auch heutzutage nicht das größte Hindernis dafür sein, dass Lohnabhängige sich für ihre eigenen Belange einsetzen.“ (Schmidt in Prokla 175, S. 207)

Das verweist auf ein Verständnis, nach dem sich immer nur Teile ein und derselben Klasse in verschiedenen Konstellationen und Zusammensetzungen zusammenschließen um konkrete Konflikte, Kämpfe auszufechten und so einen Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt zu leisten. Und in diesen Kämpfen gilt es das Verbindende zu erkennen.

Fi­nanzialisierter Kapitalismus

Schon 1895, also vor mehr als 120 Jahren notierte Friedrich Engels:

„Nun ist aber seit 1865, wo das Buch verfasst, eine Veränderung eingetreten, die der Börse heute eine um ein Bedeutendes gesteigerte und noch stets wachsende Rolle zuweist und die bei der ferneren Entwicklung die Tendenz hat, die gesamte Produktion, industrielle wie agrikulturelle, und den gesamten Verkehr, Kommunikationsmittel wie Austauschfunktion, in den Händen von Börsianern zu konzentrieren, so das die Börse die hervorragendste Vertreterin der kapitalistischen Produktion selbst wird.“ (MEW 25: 917)

Die schön erwähnten Karl Heinz Roth und Zissis Papadimitriou schreiben in ihrer „Flugschrift“: „Ein neuer, fi­nanzialisierter Kapitalismus war entstanden, der die sozialstaatlich integrierte Arbei­terklasse des entwickelten Zentrums in ein neues Proletari­at verwandelte“(ebd.: 18). Eine solche Rhetorik verdeckt gleich doppelt, dass jeder Kapitalismus eine Klassengesellschaft ist, indem er den Mythos einer „sozialstaatlich integrierten Arbei­terklasse“ aufwärmt.

Unbestritten: Gerade in Deutschland kam und kommt es immer wieder zu „korporatistischen Arrangements“, die den Klassengegensatz zumindest für Teile der Gesellschaft „einhegen“ und zu stabilen, wenn nicht sogar befriedigenden, Perspektiven für alle Beteiligten führen. Aber: Solche Arrangements sind nur so lange stabil, wie sie dem Machtverhältnis der Beteiligten entsprechen. Sie entstehen nicht, weil eine Seite, die Kapitalseite, die Unternehmen, es sich gerade „leisten“ wollen, und sie werden nicht einseitig beendet, um Profite zu stabilisieren. Vielmehr sind sie das Ergebnis von Auseinandersetzungen, die beide Seiten nicht regelmäßig, oder zumindest nur in geregelten Bahnen, wiederholen wollen. Und sie werden aufgekündigt, wenn eine Seite meint oder erkennt, dass sie es erfolgreich kann. In den 90er Jahren waren es typischerweise zuerst mittelständische Unternehmen, die erfolgreich, nämlich mit mehrheitlicher Zustimmung(!) der jeweiligen Belegschaften aus dem Flächentarifvertrag ausbrechen konnten. Der Pforzheimer Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrag der IG Metall war eine (zumindest fragwürdige) Reaktion, um nicht vollständig die Kontrolle in diesen Betrieben zu verlieren.

So entlastend und skandalisierend die Erfindung von „Bindestrich-Kapitalismen“ sein mag, sie verdeckt immer die unverzichtbare Erkenntnis, dass nur die eigene Beteiligung an der kollektiven Auseinandersetzung mit dem Kapital, die eigene Situation nachhaltig verändern kann.

Wettbewerbsfähigkeit

Ein Unternehmen (Warenanbieter) ist „wettbewerbsfähig“, wenn es seine Waren erfolgreich, d.h. mit Gewinn, verkauft. Dabei hängt der „Erfolg“ von vielen Faktoren ab, die ich hier nicht aufzählen will. Letztendlich geht es aber um das Ergebnis gesellschaftlicher Produktion, die von einem Käufer offensichtlich gewollt (und bezahlbar) ist, und dessen Verkaufserlös zur Befriedigung von Bedürfnissen der Produzenten, direkt des Unternehmens und seiner Eigentümer, indirekt der dort Beschäftigten, verwendet wird.

Bis weit in die Linke hinein hat sich aber ein positiv besetzter Begriff der „Wettbewerbsfähigkeit“ von Regionen, Staaten, Volkswirtschaften eingebürgert, der vollkommen einseitig auf die Produktion von Waren und Dienstleistungen fokussiert ist. Dabei geht es nicht mehr um das Einkommen der Produzenten, die den Erlös aus dem Verkauf für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen, sondern um die Produktion an sich, von der die Schaffung von Arbeitsplätzen erwartet wird. In der nächsten Stufe geht es dann gar nicht mehr um die Produktion selbst, sondern um die Bedingungen in den konkreten Regionen für grundsätzlich mobil vorgestellte Unternehmen, wobei die Regionen um die Ansiedlung von Produktionsstandorten konkurrieren. In dieser Argumentation ist dann nicht die Region mit dem höchsten (materiellen) Lebensstandard am „wettbewerbsfähigsten“, sondern die Region mit der höchsten, am Weltmarkt erfolgreich verkauften Produktion, selbst, wenn diese Produkte durch Kapitalexporte oder Darlehen an die Käufer finanziert werden müssen und der Wert der Produktion die Summe aus Konsum und Investitionen weit übersteigt.

Offensichtlich müsste dieser Unfug werden, wenn dieselben Leute einerseits die Abwertung einer Währung zur Verbesserung der „Wettbewerbsfähigkeit“ propagieren und andererseits die Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter in Ländern der „Dritten Welt“ anprangern.

Haupt- und Nebenwiderspruch

Etwas sehr überspitzt formuliert mussten „Linke“ in den 70er Jahren erklären, wie sie mit ihrem Thema, AKW, Feminismus, Frieden, Hausbesetzung, zur Überwindung des Kapitalismus beitragen, 50 Jahre später wird „Linken“ erklärt, wie ihr Thema, Ökologie, CO2, Feminismus, Frieden, Wohnen, mit den grundlegenden Widersprüchen des Kapitalismus zusammenhängt. Dazwischen, in den 80ern, reifte kurz die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Konflikte und Entwicklungen viel komplexer sind. Z.B. schrieb die Prokla-Redaktion 1985 in ihrem Editorial:

„Vorerst, soviel lässt sich aus den vorliegenden, hier leider nur in einer schmalen Auswahl vorstell­baren Beiträgen zum Thema entnehmen, ist wohl davon auszugehen, dass:

  1. mit sozialen Formationen und Identitäten gerechnet werden muss, die sowohl unterhalb von ökono­misch beschreibbaren Klassenlagen positioniert sind als diese auch durchkreuzen kön­nen;

  2. systembedrohende Konflikte denkbar geworden sind, die nicht allein in der Polarität von Kapi­tal und Lohnarbeit verankert sind;

  3. eindeutige Zuordnungen von sozialen Klasseninteressen und bestimmten Typen politischer Optio­nen der möglichst präzisen Analyse ökonomischer Klassenlagen nicht mehr erwartet werden dürfen“ (Prokla 58: 3)

Literatur

Prokla 58:
Prokla 58: Klassen und Herrschaft - Klasse!? Rotbuch Verlag Berlin, März 1985 Web-Link
Roth, Papadimitriou 2013:
Karl Heinz Roth, Zissis Papadimitriou: Die Katastrophe verhindern – Manifest für ein egalitäres Europa Edition Nautilus Hamburg, 2013 Web-Link
Schmidt 2014:
Dorothea Schmidt: Mythen und Erfahrungen: die Einheit der deutschen Arbeiterklasse um 1900 in: Prokla 175: Klassentheorien Westfälisches Dampfboot Münster, Juni 2014 Web-Link
Thien 2014:
Hans-Günter Thien: Klassentheorien – Die letzten 50 Jahre in: Prokla 175: Klassentheorien Westfälisches Dampfboot Münster, Juni 2014 Web-Link
Wolf 2018:
Winfried Wolf: 200 Jahre Karl Marx ? Ein Rückblick auf die Debatte anlässlich des Jubiläums. Ausblick auf die Bedeutung marxistischer Theorie und Praxis SoZ – Sozialistische Zeitung, Köln, 1.2.2018 Web-Link
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